

»Wo warst du?«, verlangte Auraea zu wissen.
Als sie die letzten Stufen nahm, fürchtete Makaria, sie würde sich in den Falten ihres Kleides verheddern und stolpern. Im Gegensatz zu ihr war ihre Schwester es jedoch gewohnt, sich in Kleidern fortzubewegen, und hatte keinerlei Schwierigkeiten damit, in wallender Seide über Stock und Stein zu springen, womit sie sich erst wieder arrangieren musste.
Nun, da sie auf gleicher Ebene standen, begegneten sie sich auf Augenhöhe, obgleich Auraea sie aufgrund der Absätze ihrer Schuhe um einen Fingerbreit überragte. Flüchtig ließ Makaria den Blick über sie gleiten, wobei sie an den schimmernden Perlohrringen hängen blieb, die die aufwendige Hochsteckfrisur besonders in Szene setzte, die Derika, Auraeas Zofe, ihr heute Morgen arrangiert hatte. Die dazugehörige Kette lag um ihren Hals, der passende Ring steckte an ihrem Finger, wodurch selbst ein Fremder sie nicht mit Auraea verwechseln konnte.
»Ich war in der Stadt«, klärte Makaria sie auf.
»Du trafst dich mit deinen Kameraden?« Verwirrung sprach aus Auraeas grünen, mit Goldfäden durchwirkten Augen, die Makarias an Farbe und Marmorierung glichen.
Makaria hob die Schulter und stieß leicht mit dem Kinn dagegen. »Ich hatte Zeit. Wohin bist du unterwegs?«
»Ich sah nach, ob du dich in deinem Gemach verkrochst. Am Übungsplatz traf ich dich nicht an und keine der Wachen dort konnte mir klare Auskunft über deinen Verbleib geben.«
»Benötigst du etwas von mir?«
»Ich wollte dich bloß darum bitten, morgen Vormittag mit mir Messerwerfen zu üben.«
»Das lässt sich einrichten.«
»Obgleich er in letzter Zeit furchtbar beschäftigt ist, bist du seltener zu sprechen als Vater«, beanstandete Auraea.
»So oft treibe ich mich doch gar nicht herum«, hielt sie augenverdrehend dagegen.
»Oft genug. Aber nutze ruhig die Gelegenheit, dich mit deinen Kameraden zu treffen. Ab übermorgen wirst du keine mehr dazu finden.«
Innerlich stöhnte Makaria auf und wünschte, vergessen zu können, was während der nächsten Wochen auf sie zukam. Sie wünschte, sie könnte sich ausschließlich auf die anstehenden Spiele konzentrieren, an denen sie zuletzt vor ihrer Ausbildung teilgenommen hatte. Da Auraea ihren achtzehnten Sonnenzyklus durchlebte, hatte ihr Vater allerdings beschlossen, dass sie bereit war, sich einen geeigneten Gemahl zu erwählen, der mit ihr nach seinem Ableben das Land regierte.
Er und die Minister hatten eine Vorauswahl von zehn Männern getroffen, die übermorgen im Palast Quartier bezogen und auf die Eignung zum Vasilis geprüft werden würden, wobei es nicht darum ging, mit Wissen und Fertigkeiten zu glänzen. Es reichte, ein gewisses Potenzial und den Willen mitzubringen, sodass, sollte die Entscheidung auf einen im Augenblick weniger geeigneten Kandidaten fallen, die Voraussetzungen gegeben waren, ihn in allen maßgeblichen Fertigkeiten zu unterweisen.
Makaria beneidete den Betroffenen nicht um sein Los, doch müsste er wahrscheinlich nicht allzu viel nachholen, da ihrem Vater zufolge genügend Kandidaten über ausreichend Wissen verfügten, um den Posten des Vasilis einzunehmen. Worüber sie bei dieser Erklärung allerdings gestutzt hatte, war, dass er im selben Atemzug davon gesprochen hatte, dass nicht nur dem Adel Angehörige in zwei Tagen den Palast bezogen. Auch höherrangige Offiziere befanden sich unter den Kandidaten, was er mit strategischer Denkweise und Verminderung des später folgenden Aufwandes begründet hatte, ihr jedoch als an den Haaren herbeigezogene Ausflucht erschien.
Doch war dies allein Auraeas Angelegenheit. Makaria konnte gut darauf verzichten, diese Männer in ihrem Zuhause herumschleichen zu haben. Allerdings hegte sie die aberwitzige Hoffnung, dass ihr Vater jemanden auserwählt hatte, mit dem sie bekannt war und den sie leiden konnte, um sich mit ihm die Langeweile im Palast zu vertreiben.
Etwas von ihrer Abneigung gegen die baldige Anwesenheit zehn unliebsamer Männer unter ihrem Dach musste ihr anzusehen sein, denn mit einem Mal tadelte Auraea sie. »Du tust, als wären sie der Feind, der auf heimischen Boden vordringt.«
Makaria seufzte. »Genau genommen sind sie das.«
»Du übertreibst maßlos.«
»Ich hoffe dennoch, dass diese Wochen rasch vergehen. Und bei den Spielen lasse ich mich sowieso von keinem von ihnen schlagen.«
Auraea lachte. »Sei nicht so überheblich.«
»Ich bin nicht überheblich. Bloß in der glücklichen Position, meine Fähigkeiten realistisch einschätzen zu können.«
»Vater sei Dank«, feixte sie.
»Es existiert kein besserer Lehrmeister.«
»Sehe ich ebenso. Doch verlasse ich mich darauf, dass du mir bei der Auswahl beistehst und mir schonungslos deine Ansichten mitteilst.«
»Ich halte dies für keine gute Idee«, versuchte Makaria, sich aus der Sache herauszuziehen.
»Du musst. Stell dir vor, einer der Männer erregt mein Interesse, du befindest ihn jedoch für unzureichend. Vater und du habt denselben Geschmack, dieselbe Intuition, was Menschen anbelangt. Wenn dir ein Mann zusagt, wird auch er mit meiner Wahl zufrieden sein.«
»Du solltest allein entscheiden und dich nicht darauf versteifen, welchen Mann Vater für den geeignetsten hält.«
»Einer jener Männer wird Teil unserer Familie werden. Ich kann nicht allein auf meine Bedürfnisse Rücksicht nehmen. Auch ihr solltet euch mit ihm verstehen.«
»Solange du ihn gernhast, werden wir das auch«, versicherte sie ihr.
»Versprich es mir, Makaria«, bat Auraea erneut, fasste nach ihren Händen und drückte sie flehentlich.
Verblüfft starrte Makaria auf ihre verschlungenen Hände. Als sie noch Kinder gewesen waren, hatte Auraea sie ständig angefasst, nach all der Zeit, in der sie weitestgehend gemieden worden war, war es allerdings noch befremdlich, wieder von ihr berührt zu werden. Entgegen dem Wissen, dass weder Auraea noch ihr Vater etwas von ihr zu befürchten hatte, war sie aber doch froh, Handschuhe zu tragen.
»Arvid.«
Erschrocken fuhr er zusammen und machte einen Satz fort von der Tür, die mit einem Mal wieder verschlossen war und von einem Mann blockiert wurde. Es verging ein Moment, ehe Arvid ihn erkannte, doch selbst dann konnte er nicht fassen, ihn an diesem Ort anzutreffen. Verblüfft und mit trommelndem Herzen betrachtete er Skaro, der entspannt die Hände hinter den Rücken schob und ihn musterte.
»Was tust du hier?«, stieß Arvid aus, da ihm etwas anderes beschämenderweise nicht in den Sinn kommen wollte.
»Wundert es dich?«
»Selbstredend wundert es mich.« Obwohl er es besser wissen müsste.
Es hätte ihn nicht derart überraschen dürfen, dass Skaro ihm hier und jetzt über den Weg lief, da er ihn am wenigsten gebrauchen konnte. Oder am meisten. Darin war er sich noch unschlüssig.
»Du wirkst erschöpft«, stellte Skaro fest. »Unaufmerksam bist du auch. An einem Ort wie diesem solltest du deine Deckung nicht vernachlässigen.«
Seine Entscheidung war gefallen. Skaro war nach Valeris der Letzte, den er im Augenblick an seiner Seite wissen wollte. Seufzend rieb Arvid sich übers Gesicht und stierte Skaro an. »Ich war in Gedanken«, rechtfertigte er sich.
»Worüber?«
»Die Ausweglosigkeit des Lebens.«
»Nun, ich wage zu behaupten, diese setzt uns allen zuweilen zu. Sandte dein Vater dich wieder aus?«
»Weshalb wäre ich sonst hier?«
»Er sollte deine Talente nicht vergeuden, indem er dich deine Zeit mit Nichtigkeiten vertrödeln lässt. Sprich mit ihm darüber.«
»Er könnte meine Argumentation nicht nachvollziehen.«
»Du solltest es dennoch versuchen. Es gibt so vieles, das es sich für dich zu sehen lohnt.« Ein ganzer Kontinent und darüber hinaus, doch würde er nie über Tepeš, Thraka, Avora und Varia hinauskommen.
»Und wohin bist du unterwegs?«, lenkte Arvid die Unterhaltung von sich auf Skaro.
Eindringlich beäugte Skaro ihn. Die Sekunden zogen sich und ließen ihn sich mit jeder weiteren verstreichenden unwohler fühlen. »Amra«, erwiderte er schließlich.
Arvid zog die Brauen herab und presste die Lippen aufeinander, um keine unbedachte Äußerung von sich zu geben. Skaro entging sein Stimmungsumschwung aber ebenso wenig wie das Ballen seiner Hände zu Fäusten, die er auf das Heben der Brauen seines Gegenübers wieder löste und mangels Alternativen in den Hosentaschen vergrub.
Neben Valeris war Skaro der einzige Amra in seinem Bekanntenkreis und ein Mann, dem er bedingungslos vertraute und mehr zu verdanken hatte als irgendjemandem sonst. Wie scheinbar jeder auf der Welt wandelnde Amra hatte auch Skaro im Dienst des Militärs gestanden, ehe er ihn aufgrund einer Verletzung hatte quittieren müssen. Seither zog er durch die Lande und hatte sich ein Standbein mit dem Handel von Antiquitäten aufgebaut – zumindest betitelte er es so. Arvid bezeichnete es als Plunder und Krimskrams.
Anfänglich hatte er Abstand zu dem Mann gewahrt, da er im Alter von sechs Sonnenzyklen nicht verstanden hatte, wieso sie sich einerseits von den Amra vertreiben lassen hatten, andererseits auf einen vertrauten und selbigen in ihrem neuen Heim willkommen hießen. Er hatte nicht begreifen können, weshalb sein Vater mit diesem Mann befreundet war und seine Mutter mit ihm schäkerte.
Erst nach mehrere Sonnenzyklen andauernder Bekanntschaft mit Skaro hatte er eingesehen, dass er nicht alle Amra über einen Kamm scheren konnte, auch wenn es ihm die Sache beträchtlich einfacher gemacht hätte. Leute wie Skaro waren jedoch nicht für das Schicksal, das seiner Familie und tausenden anderen widerfahren war, verantwortlich, denn nicht sie hatten den Befehl gegeben, in Mara einzumarschieren und es zu annektieren. Sie waren auch nicht an der Spitze der Truppen gelaufen, wobei Skaro, soweit ihm bekannt, zu dieser Zeit noch gar kein Mitglied des Militärs gewesen war.
»Heimatbesuch?«, riet Arvid.
»Nicht ganz. Die Caetronischen Spiele stehen an.«
»Verpflichtungen also.«
»Von irgendwoher muss doch das Geld zum Leben kommen«, meinte Skaro, Arvid erkannte allerdings den Scherz dahinter. Skaro hatte nur wenig Interesse an der Erwirtschaftung eines Vermögens, zumal er es nicht nötig hatte und seine Tätigkeit als Kaufmann mehr eine Liebhaberei war als ein wirklicher Broterwerb. »Ich würde dich gerne dorthin einladen.«
Vor Erstaunen klappte Arvid der Mund auf. »Nach Amra?«
Skaro nickte. »Ich kenne deine Einstellung, aber sie ist haltlos. Allerdings nicht unbegründet, so viel gestehe ich ein. Doch rate ich dazu, dir keine Meinung zu bilden, ehe du nicht wenigstens einmal selbst dort warst. Sie hätte dir so viel zu bieten, und die Spiele sind der beste Zeitpunkt, um sich mit den Gebräuchen und Gepflogenheiten der Amra vertraut zu machen.«
Unschlüssig, ob er es ernst meinte, starrte Arvid ihn an. Obwohl Skaro ihm diesen Vorschlag nicht unterbreiten würde, wäre es anders. »Ich kann nicht.«
»Sie beginnen in einer Woche und laufen über fünf Tage. Elerius wird dich für diese Dauer gewiss entbehren können.«
»Du verstehst nicht. Ich möchte es nicht.«
»Das nehme ich dir nicht ab.«
»Es ist so.«
Skaro schwieg, ehe er meinte: »Bedauerlich. Und feige. Würdest du es doch nur einmal wagen, Arvid, so würdest du erkennen, dass alles, was dieses Land und seine Leute ausmacht, in dir wiederzufinden ist.«
»Das ist Unsinn«, erwiderte er wenig überzeugend.
»Dein Wesen entspricht genauso wenig den maranischen Standards wie meines. Du lerntest von mir, doch teilte ich mein Wissen nicht mit dir, damit du es verkümmern lässt. Denk darüber nach. Ich würde es begrüßen, dich bei den Spielen anzutreffen. Ich bin dort mit einigen Leuten bekannt, die ich dir gerne vorstellen möchte.«
»Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, aber ich möchte nicht.«
»Es würde dein Schaden nicht sein.«
»Lass es, Skaro«, murrte er und blickte ihm in die Augen, was ihm hoffentlich klarmachte, dass es ihm ernst war.
»Lass dir nicht zu viel Zeit, darüber nachzudenken.«
Arvid gab es auf, zumal er Skaro noch nie etwas entgegenhalten hatte können. Er verspürte nicht das Bedürfnis, nach Amra zu reiten – hatte es noch nie – und wollte dessen Grenzen nicht übertreten. Allerdings würde er lügen, behauptete er, noch nie darüber nachgedacht zu haben. Dennoch täte er es nicht. Niemals. Was sollte er dort auch? Sich die Spiele ansehen? Allein bei der Vorstellung hätte er auflachen können.
Unverwandt betrachtete Skaro ihn, als könnte er in seinen Kopf sehen. Arvid erwiderte seinen Blick, wie in Valeris’ Augen war es ihm aber ebenso unmöglich, in Skaros zu lesen. Sie waren grün, dunkel wie immergrüner Tannenwald, der mit goldenen Lichtfäden durchzogen war, die Blitzen gleich bei der kleinsten Regung aufzuleuchten schienen.
»Ich will dich nicht länger aufhalten«, meinte er, nachdem er es geschafft hatte, sich von Skaros Augen loszureißen.
»Tust du nicht. Ich fürchte aber, ich brachte dein Vorhaben in Verzug.«
»Es handelte sich um nichts Wichtiges.«
»Übertreib nicht, Arvid.«
Misstrauisch verschmälerte er die Augen. »Sprachst du dich mit Valeris ab?«
»Der Junge ist gut für dich. Hör auf ihn.«
»Immer.«
»Friedlichen Abend.«
»Dir eine ereignislose Reise.«